Horch in der Auto Union

Von Trümmerbergen zum Wirtschaftswunder

Aufbruch in eine neue Zeit

„Gebt mir zehn Jahre Zeit, und ihr werdet Deutschland nicht wieder erkennen.“

Diese Prophezeiung Hitlers hatte sich 1945 in grausiger Weise erfüllt. Am Ende des furchtbaren Krieges beklagte die Welt über 50 Millionen Tote. Deutschland war ein Trümmerhaufen, seine Städte waren zerschlagen, seine Industrie unter Schutt begraben und seine Menschen verzweifelt. Sechs Millionen von ihnen haben das Ende des Völkermordes nicht mehr erlebt.

Nachdem sich Pulverdampf und Trümmerstaub verzogen hatten und die Verzweiflung in den Köpfen gewichen war, begann sich das Leben wieder zu regen. Maschinen wurden aus den Trümmern gebuddelt, auf Straßen und Schienen begannen sich wieder die Räder zu drehen, und hier und da rauchten auch

wieder die Schornsteine. Produziert wurde, was die Menschen brauchten – gleichgültig, was draußen über dem Werktor stand: Schrotmühlen und Handwagen, Kartoffelhacken und Kochtöpfe. Auch die Automobilindustrie machte da keine Ausnahme. Allerdings gehörte hier zum Nächstliegenden die Reparatur von Fahrzeugen aller Art. Im großen Stil geschah dies im Auftrag der jeweiligen Besatzungsmacht, im kleinen Rahmen half man der sich formierenden Verwaltung auf die vier Räder, sammelte Autowracks ein und hatte auch schon erste Privatkunden. An zwei Orten in Deutschland entstanden bereits 1945 wieder Neufahrzeuge: bei VW in Wolfsburg und bei BMW in Eisenach. In den Jahren darauf folgten Mercedes, Opel und Ford.

Allerdings – einen großen Teil dieser Industrie gab es nicht mehr. Er war demontiert und abtransportiert. Bei Opel in Rüsselsheim traf dies das Kadett-Fertigungsband, bei BMW in München die Triebwerkfertigung. Im Osten aber, in der Sowjetischen

Besatzungszone, betraf es ganze Fabriken. Egal ob Horch und Audi in Zwickau, DKW in Zschopau oder Wanderer in Chemnitz: Sie alle wurden bis zum letzten Lichtschalter, bis zur Tür und zum Fensterflügel ausgeräumt. Leere Hallen gähnten dort, wo einst die Bänder rollten. 28 000 Werkzeugmaschinen sind allein aus der sächsischen Automobilindustrie als Reparationsgut fortgeschafft worden.

Die Auto Union war davon ins Mark getroffen. Doch damit nicht genug, verfügte die Besatzungsmacht die Enteignung des einst zweitgrößten deutschen Kraftfahrzeugkonzerns. 1948 folgte schließlich die Löschung des Unternehmens im Handelsregister der Stadt Chemnitz. Damit schien das endgültige Aus für die Auto Union gekommen.

Freilich: Zu dieser Zeit saßen einige ihrer ehemaligen Führungskräfte bereits im Süden Deutschlands, verhandelten

mit Banken über Kredite und mit Kommunen über Standorte für den Wiederaufbau der Auto Union in den westlichen Besatzungszonen. Ein Jahr später war es so weit: Die Auto Union feierte 1949 ihre Auferstehung in Ingolstadt. Und noch im gleichen Jahr verließen die ersten Fahrzeuge die noch provisorischen Fertigungshallen.

Viele ehemalige Auto Union Mitarbeiter folgten den Vier Ringen von Sachsen nach Bayern, beseelt von dem Willen, die Auto Union in altem Glanze erstrahlen zu lassen. Gleichwohl: An ihrem „Stamm-platz“ in Chemnitz, später in Karl-Marx-Stadt umbenannt, in Zwickau und Zschopau schwelte ihre Existenz innerhalb der zwischenzeitlich gegründeten „Industrieverwaltung Fahrzeugbau“ (IFA) weiter. Das Entwicklungspotential des IFA Forschungs- und Entwicklungswerks rekrutierte sich zu 90 Prozent aus alten Auto Union Mitarbeitern. Hier wurde die gesamte technisch-

konstruktive Grundlinie der Automobilindustrie der DDR formuliert, konstruiert und auf die Räder gestellt.

Die Nachkriegszeit war bald vorüber. Vieles vernarbte allmählich, manches war verwunden und verdrängt. Geblieben war als – so hoffte man zunächst – vorübergehendes, mit den Jahren aber immer dauerhafter werdendes Übel die Zerrissenheit Deutschlands in zwei Teile, die sich auseinander lebten. Da wie dort blieb Mobilität ein Lebensideal. In engen Grenzen auf der einen, schier grenzenlos auf der anderen Seite. Realen Ausdruck fand dies westlich der Elbe in unglaublich rasch zunehmenden Kraftfahrzeugbestandszahlen; östlich war es in schließlich nach zweistelligen Jahreszahlen rechnenden Lieferfristen für Automobile spürbar. Dem Zweitaktmotor und der Mangelwirtschaft verhaftet, verlor der sächsische Automobilbau zunehmend den Anschluss an internationale Standards.

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